Der literarische Chronist des deutschen 1989er-Umbruchs heißt Ingo Schulze, eine Zuschreibung, die ihm vermutlich größten Spaß macht. Wie sonst könnte Schulze als Autor immer wieder und mit derartiger Leichtigkeit um eben diese Epochenwende kreisen. Nach seinem mit Auszeichnungen überschütteten Erzählband Simple Stories (1998) und nach seinem fulminanten Briefroman Neue Leben (2005) liegt jetzt Adam und Evelyn vor, ein fast ausschließlich aus Dialogen bestehender Roman, der ein gekonntes literarisches Tänzchen wagt mit dem biblischen Mythos vom Sündenfall: Adam, ein ostdeutscher Schneider, betrügt seine Evelyn; Gelegenheit dazu hat er, die Frauen lieben Adam dafür, dass er ihnen Kleider so passend auf den Leib schneidert, wie er selbst sich seine ostdeutsche Behaglichkeit zusammenbaut. In flagranti ertappt, fallen Adams Lebenslügen zu dem Zeitpunkt in sich zusammen, an dem auch der Eiserne Vorhang sich in Rost und Staub auflöst. Jenseits von Adams und Evelyns Liebesgeschichte entfaltet sich ein Kapitel deutscher Zeitgeschichte, suchen Menschen nicht weniger als ihr eigenes, ihr verlorenes Paradies. Wo das heute liegen könnte, fragt Jens Meyer.



