Das Ungeheuerliche hat sich noch immer der bloßen Beschreibung widersetzt. Die Zahl zum Völkermord in Ruanda 1994 ist ohne Sinn: 800.000 Tote. Auch die Analyse des Monströsen verirrt sich meist in Vorurteilen. Erklärungen, warum in Afrika »Stammeskonflikte« so grausam sind, kamen schnell: Hatten diese »archaischen Gemetzel« nicht mit dem mangelhaften Zivilisationsgrad der dortigen Bevölkerung zu tun? So die schnellstformulierten Einschätzungen. Lukas Bärfuss ist Schweizer. Nun stimmt das Vorurteil von deren Langsamkeit bei ihm zwar gar nicht: Er ist nicht nur hoch dekoriert, sondern im deutschsprachigen Raum auch einer der meistgespiel-ten und fleißigsten Stückeproduzenten. Für seinen ersten Roman Hundert Tage allerdings hat er sich doch viel Zeit genommen, und seine über zwei Jahre dauernden Recherchen zum Völkermord der Hutu an den Tutsi kommen zu einem für »den Westen« – und auch für die Schweiz – traurigen Resultat. Bärfuss erzählt, und zwar ohne im Blut zu waten, eine Liebesgeschichte zwischen einem Schweizer und einer Ruanderin vor dem Hintergrund eines Völkermordes, der durch den moralischen Irrtum einer falschen Entwicklungshilfe möglich wurde. Dazu hat Bärfuss mit seinem Roman wie kaum jemand entscheidende Fragen formuliert. Auch wenn Antworten kaum möglich scheinen, Jens Meyer hofft gleichwohl darauf.
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